Schleiterassen Kappeln – Vom Atomschutzbunker zum Architekten-Traum mit Fußbodenheizung Wer heute durch die Schleiterassen in Kappeln flaniert, könnte glatt vergessen, daß er sich auf einem Gelände bewegt, das einst zur Marinewaffenschule gehörte. Ja, richtig gelesen: Wo heute Latte Macchiato geschlürft und Designmöbel bewundert werden, wurden früher Waffen gewartet und Übungen abgehalten. Und irgendwo tief unter dem Fundament liegt vermutlich noch ein Atombunker, in dem jetzt vielleicht eine Tiefgarage oder ein besonders ambitionierter Weinkeller untergebracht ist. Früher: Kasernenduft und Kommandoton Das Areal war einst fest in militärischer Hand. Hier roch es nach Maschinenöl, Uniformstoff und kaltem Beton. Marschieren statt Joggen, Exerzierplatz statt Spielplatz und wer damals „Schleiblick“ hatte, war meistens ein Offizier mit Einzelzimmer. Zivilisten? Fehlanzeige. Hundeausführer? Nur mit Sondergenehmigung. Wer die Gegend betrat, tat das entweder in Uniform oder mit Besucherausweis – von Eigentumswohnungen war weit und breit keine Rede. Höchstens von Unterkunftsgebäuden mit klapprigen Fenstern, strengen Hausordnungen und Schutzräumen, in denen man sich im Fall der Fälle vor einem Atomschlag ducken konnte. Heute duckt man sich hier höchstens vor dem Steuerbescheid. Heute: Dicht an dicht, Glas auf Glas Nach der Aufgabe des Standortes ging es rasant. Die Kasernen weg, die Bunker zu und weg (vielleicht) und rein mit der Wohnbebauung. Und zwar ordentlich: Was früher militärischer Sicherheitsbereich war, ist heute Premium-Wohnquartier mit hoher Dichte – oder wie man in der Immobilienbroschüre sagt: urbaner Wohnkomfort im maritimen Kontext. Die Häuser stehen so nah beieinander, dass man seinem Nachbarn problemlos sagen kann, ob der Basilikum auf seiner Fensterbank Wasser braucht. Privatsphäre gibt es gratis dazu – aber nur, wenn die Gardinen zu sind. Dafür bekommt man aber eine Wärmepumpe, Glasfaser und natürlich – ganz wichtig – einen kleinen Balkon mit „Schleiblick“, der beim Kaufpreis wie 180°-Panorama gewertet wird. Und wer wohnt hier? Na ja, sagen wir mal so: Wer damals in der Kaserne gedient hat, dürfte heute mit dem Gedanken spielen, seinen ehemaligen Spind in eine Ferienwohnung umzuwandeln – kann sich das aber meistens nicht mehr leisten. Jetzt wohnen hier Ärzte, Architekten, Anwälte, Anlageberater – und Leute, die alle vier Berufe gleichzeitig ausüben oder geerbt haben. Dauerwohnen? Eher seltener. Die Schleiterassen sind wie ein Feriendorf mit durchgehendem Ruhemodus. Fazit: Die Schleiterassen sind ein faszinierendes Beispiel dafür, wie aus einem militärischen Sperrgebiet eine luxuriöse Wohnanlage mit urbaner Dichte und geringem Alltagslärm wird – einfach, weil fast keiner da ist. Wer auf der Suche nach Geschichte, Wasserblick und Glasfassade ist, wird hier glücklich. Wer früher hier gedient hat, dürfte sich beim Spaziergang gelegentlich am Kopf kratzen und denken: „Hier war doch mal ein Bunker?“ Ja, stimmt – heute ist da vermutlich eine Sauna mit Bluetooth-Lautsprechern.
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Karl-Heinz Missfeldt ★★★☆☆
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