Pho Saigon
“Der Urlaub des kleinen Mannes fängt in diesem vietnamesischen Lokal an. Träumend von eingelegtem Schweinebauch auf dampfendem Reis zog mich der betörende Duft von Koriander, Sternanis und geröstetem Knoblauch unaufhaltsam in die Fänge dieser asiatischen Wunderkammer. Mit einem selbstbewussten Xin chào begrüßte ich den Betreiber – ein Mann, der mit seinem freundlichen Lächeln so aussah, als hätte er die Erleuchtung in einem Wok gefunden. Durch den Raum flanierend, sicherte ich mir einen Sitzplatz mit dem Prädikat „erste Sahne“ – mitten im Geschehen, aber mit genügend Abstand zur dampfenden Suppenküche, sodass meine Augen nicht tränkten wie beim Zwiebelhacken. Die Bestellung ging flink: „Zweimal die 10, einmal die 14 ohne Scharf und die 18 zum Mitnehmen.“ Die Bedienung nickte, verschwand in der Küche, und kurz darauf ertönte das verheißungsvolle Fauchen des Gasherds. Ein Wok wurde geschwenkt, es zischte, es bruzzelte – eine Melodie für hungrige Seelen. Ich ließ meinen Blick über die Wandkarte Vietnams schweifen und verlor mich in Gedanken an smaragdgrüne Reisterrassen, quirlige Straßenmärkte und Mopeds mit absurd großen Ladungen. In meinem Kopf schwang ich mich schon wie Tarzan durch den vietnamesischen Dschungel – bis ich abrupt zurück in die Realität geholt wurde. Mein Essen stand bereit. Ein Löffel, ein Bissen – und mein Gaumen fiel in Ohnmacht vor Glück. Der Schweinebauch war so zart, dass man ihn fast mit einem bösen Blick hätte zerteilen können, die Brühe meiner Suppe so vollmundig, als hätte sie mehrere Generationen an vietnamesischen Großmüttern als Geheimzutat. Dazu knackiges Gemüse, herrlich duftender Reis – kein Chichi, keine Effekthascherei, einfach ehrliches, handwerklich perfektes Essen, das einem das Gefühl gab, am Straßenrand von Hanoi zu sitzen. Satt, glücklich und mit einem zufriedenen Seufzen lehnte ich mich zurück. Beim Rausgehen entdeckte ich den kleinen hauseigenen Schrein. Goldene Figuren, duftende Räucherstäbchen, eine Orange als Opfergabe – wahrscheinlich für die Götter des guten Geschmacks. Der Besitzer erklärte mir mit funkelnden Augen die Bedeutung, und ich nickte anerkennend. Draußen zog die kühle Plauener Luft durch die Straßen, doch in mir loderte ein Fernweh, das nur auf eine Weise zu stillen war: Mein nächster Stopp wird wohl das Reisebüro sein. Oder besser noch – direkt der Flughafen.”