Shanghai Markt
“Auf der Suche nach den passenden Zutaten, um ein Gericht nachzukochen, das ich kürzlich in einer britisch-indischen Imbissstube verkostet hatte, verschlug es mich in den Hongkong Markt. Zwar ließ der Name in erster Linie chinesische Spezialitäten erwarten, doch hegte ich die Hoffnung, dennoch fündig zu werden – schließlich werden in solchen Geschäften fernöstliche Grenzen gern mit einer gewissen großzügigen Lässigkeit interpretiert, auch wenn dies nicht der eigentlichen Realität entspricht. Mein feines Gespür für fremde Kulturen sollte mich jedoch abermals nicht im Stich lassen. Zwischen dicht befüllten Regalen, deren Ordnungssystem wohl nur Einheimische vollständig zu durchdringen vermögen, entdeckte ich eine erstaunliche Auswahl an Gewürzen, Gemüse und Pasten, die mich meinem Vorhaben ein gutes Stück näherbrachten. Zwar liegt der Schwerpunkt des Marktes eindeutig auf ostasiatischen Produkten, doch zeigte man sich überaus bemüht, mich durch dieses labyrinthartige Angebot zu geleiten – und überraschte mich schließlich mit dem Hinweis auf einen unscheinbaren, aber bemerkenswert gut bestückten Gang, in dem ich tatsächlich sämtliche Zutaten für mein vietnamesisches Vorhaben fand. Der Laden selbst besitzt den Charme eines Ortes, an dem Funktion unmissverständlich vor Ästhetik rangiert: leicht chaotisch, etwas verblichen, aber voller Leben. Gerade dieses unprätentiöse Ambiente verleiht ihm den Charakter eines kleinen, unerwarteten Fundes. Wer Freude daran hat, sich durch die Vielfalt asiatischer Lebensmittel zu probieren, wird im Shanghai Markt zweifellos fündig. Und wer – wie ich – fest entschlossen ist, ein indisches Gericht aus nostalgischer Sehnsucht nachzukochen, ist hier, trotz oder gerade wegen mancher geografischen Verwirrungen, überraschend gut aufgehoben.”